Six Actions for Luzern"Die sind doch auch gut und schön, die Fragen – hoffentlich."
Eröffnungsfeier der Kunsthalle Luzern.
25. Januar 2008
Fleischlin/Nicolas Galeazzi, Berlin
Martin Gut, Luzern
Anastasia Katsidis, Kairo, in Zusammenarbeit mit Corina Schwinggruber, Nina Steinemann, Karin Lustenberger und Martina Feer
Magdalena Kunz/Daniel Glaser, Zürich
Christian Ratti, Zürich/Winterthur
reinigungsgesellschaft, Dresden/Odessa, Ukraine
“Die sind doch auch gut und schön, die Fragen – hoffentlich,” meinte der Deutsch-Schweizer Künstler Dieter Roth vor fast genau vierzig Jahren als er in einem Interview realisierte, dass allein seine Antworten, nicht aber die an ihn gestellten Fragen aufgezeichnet wurden. In Roths Äußerung schwingt Verwunderung, aber auch das Wissen um die Unausweichlichkeit des Ungleichgewichts und der Anstrengung des Frage-Antwort-Spiels mit. Roth war ein routinierter und dennoch stets (selbst)verzweifelter Antwortender.
Die Eröffnungsfeier im Kunstpanorama versteht sich als eine Art Laudatio an die Bedeutung des Fragens und der Bedrohung in der Kunst, wie auch für das Individuum im Generellen: Wer formuliert und wer erinnert sich an Fragen? Wer darf Fragen stellen und wer muss antworten in unserer Gesellschaft? Was sind Fragen eigentlich, ein Mittel der Informationsgewinnung, der Kritik, oder der Manipulation, oder binden Sie Erinnerung und Augenblick in einer Pose des Widerstands gegen alles Unaufhaltsame zusammen?
Sechs regionale und internationale Künstlerformationen sowie Einzelkünstler werden am 25. Januar 2008 spezielle für diesen Anlass kreierte freie Aktion in der Stadt Luzern gestalten, die teils mit dem Instrument der Frage arbeitet, institutionalisierte Befragung beleuchtet oder die Thematik humorig verrückt und feinsinnig ins Bild setzt.
Am Abend werden die tagsüber statt gefundenen Aktionen ins Kunstpanorama zurück gespielt und mit Künstler/innen und Publikum diskutiert.
Aktionen:
Ort: unerwartet, im öffentlichen Raum
Zeit: 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr
HÜPFEN IN PREKÄREN GÄRTEN
fleischlin/galeazzi (Schutz und Rettung)
fleischlin/galeazzi (Schutz und Rettung) hüpfen für Luzern. Zwei Stehaufmännchen und Unruhestifter schleppen den häuslichen Fauteuil auf die Strasse und zelebrieren das tägliche Auf und Ab als Lebensprinzip. Fragen, mögliche Antworten – und wieder neue Fragen. Sie hüpfen stundenlang. Immer wenn sie wieder auf den Boden kommen, spickt es sie wieder in die Höhe, dem Toten Punkt entgegen, wo sie lieber wieder umkehren, oder zur Umkehr genötigt sind, angezogen durch die Schwerkraft, um wieder zu landen und wieder in die Lüfte gespickt zu werden. Die Aktion >hüpfen in prekären gärten< ist eine vertikale Irritation in einem horizontalen Umfeld und eine blühende Ungemütlichkeit im Januarloch. Diese Performance ist Teil der Reihe >prekären gärten<.
Ort: Löwenplatz
Zeit: 12.00 Uhr bis 18.00 Uhr
AUTOPORTRAIT (EINE VIDEOSKULPTUR)
Daniel Glaser/Magdalena Kunz
In der Nähe des Bourbaki Panorama’s in Luzern steht im öffentlichen Raum ein parkiertes Auto; zwei den Künstlern nachempfundene Talking Heads sitzen auf den beiden Vordersitzen. Stellvertretend für Glaser/Kunz führen die zwei Talking Heads einen aus Fragen bestehenden Dialog. Eine Videoprojektion lässt die Kunstfiguren lebendig erscheinen.
Ort: vor dem Kultur- und Kongresszentrum Luzern
Zeit: Bürozeiten
DOPPELTE BUCHHALTUNG
Martin Gut (LU)
Die dem Kunstschaffenden wohl meist gestellte Frage lautet: „Kannst du davon leben?" Martin Gut führt diese Situation ad absurdum, indem er sein Einkommen zum Inhalt seiner Aktion macht und diese als Arbeitssituation darstellt. Von 08.15 Uhr bis 12.00 Uhr und von 13.15 Uhr bis 17.00 Uhr führt Martin Gut seine doppelte Buchhaltung und füllt seine Steuererklärung aus. Als Kulisse dient der 226.5 Millionen Franken teure „Kultur- und Kongress-Palast", das KKL. Gut hält sich streng an die Bürogepflogenheiten und schiebt die schicklichen Schweizer Administrationspausen ein – um 9.00 Uhr gibt es Kaffee mit Gipfeli, Mittagessen gibt's um 12.00 Uhr und Kaffee & Kuchen um 15.15 Uhr.
Ort: Seebrücke, alternativ bei schlechtem Wetter Bahnhof Luzern
Zeit: 12.00 Uhr bis 15.00 Uhr
ENTBEHR-LABORS
Anastasia Katsidis
In den „Entbehr-Labors“ werden während 2-4 Stunden Gegenstände von Passant/innen gesammelt und nach Einkommensklasse sortiert. Passanten werden angefragt, was sie mit sich tragen, das sie für diese Untersuchung weggeben können. Dinge, die sie nicht mehr brauchen, werden auf 3 Tischen ausgebreitet und fotografisch dokumentiert. Bei den Dingen darf es sich um Abfälle, wie Verpackungsmaterialien oder Zigarettenstummel handeln. Bevorzugt aber werden ungebrauchte oder noch brauchbare Gegenstände wie zum Beispiel Schreibzeug, Fotos, Hosenknöpfe, Visitenkarten, Spielzeug etc. Die Künstlerinnen machen eine Auslegeordnung nach materiellen Kriterien und notieren die Verhaltensmerkmale der jeweiligen Einkommensklassen. Am Ende sollen die Verhaltensunterschiede der Einkommensschichten zusammengetragen und gemeinsam mit den Sammlungen abends im Kunstpanorama präsentiert werden.
Ort: See, Brücke
Zeit: unbestimmt
10 TÜREN AUF SEE UND UNTER BRÜCKE, VORÜBERGEHEND
Christian Ratti
«Fragen» gehen mit der Haltung einher etwas erschließen zu wollen. Das «Erschließen wollen» kann eine freudige Herausforderung sein oder aber auch ein Stress (Desorientierung), und zwar abhängig vom Umstand, ob die Antwort (lebens)notwendig erscheint oder nicht. Aus Luzern oder Umgebung werden bis am 25. Januar fünf bis zehn Holztüren aufgetrieben (Bauabfall). Von einer geeigneten Stelle vom Ufer oder von Schiff aus werden sie als Gruppe in den Vierwaldstätersee gelegt und der Strömung überlassen. Nach surrealistischer Technik werden in «10 Türen auf See und unter Brücke, vorübergehend» ungewohnte Kombinationen inszeniert und damit eine gewisse Rätselhaftigkeit beschwört. Gewohnte Dinge sollen etwas fremd wirken. Der Künstler ist weniger ein Fragender, sonder ein «in Rätseln Sprechender». Er eröffnet und verschließt gleichzeitig den Zugang. Er ist öffentlich heimlich.
Ort: Obergrundstraße, Pilatusplatz
Zeit: 10 Stunden
STRAßE DER STADTFLUCHT
Reinigungsgesellschaft
Die unweit der Kunsthalle Luzern gelegene Obergrundstraße wird in "Straße der Stadtflucht" umbenannt. Die Straße ist ein Teilstück der Verbindung zwischen der Luzerner Altstadt und der die Stadt in Nord-Süd-Richtung durchquerenden Autobahn A2. Dieser Autobahnabschnitt gehört zu den am stärksten befahrenen Strassen der Schweiz. Studien, die im Auftrag der Bundesämter für Statistik und Raumentwicklung durchgeführt wurden, bestätigen, dass sich die Sozialstrukturen der Städte und das Mobilitätsverhalten in der Schweiz ändern. Ein wichtiger Grund ist die Tatsache, dass 73 Prozent der Schweizer Bevölkerung in städtischen Agglomerationen leben (Ergebnis der Volkszählung von 2000). Die Auswertung durch das Statistische Bundesamt hat für Luzern eine Zunahme der interregionalen Pendler um mehr als einen Drittel von 1990 (33’814) auf 53’154 im Jahr 2000 ergeben. Während in Luzern 1975 noch knapp 75’000 Menschen in der Kernstadt der Agglomeration lebten, sind es heute nur noch ca. 58’000. Mit der temporären Umbenennung macht die REINIGUNGSGESELLSCHAFT auf das Phänomen der Suburbanisierung aufmerksam.
Künstler/innen-Biografien:
Fleischlin/Galeazzi (Schutz und Rettung) sind die Performancekünstler Nicolas Y Galeazzi und Beatrice Fleischlin. Seit mehreren Jahren erarbeiten sie eine Sprache an den Übergängen von Performance, sozialer Interaktion und Installation. Sie verstehen ihre Performances als Forschungsarbeit mit Veröffentlichungen. >prekäre gärten< ist das aktuelle Projektfeld von fleischlin/galeazzi, vormals u. a. auch als
Gaststube bekannt. In diesen Auseinandersetzungen über Lebensstrategien im Spannungsfeld von Freiheit und Angst, kultivieren sie in verschiedenen Kontexten prekäre Gärten, in denen ihre Arbeit erlebbar wird. 2007 wurden Forschungsereignisse in der Galerie White Space, Zürich, am Festival Eurasia, Poznan (PL) in der Kunstfabrik am Flutgraben, Berlin veröffentlicht.
Daniel Glaser (1968) und Magdalena Kunz (1975) leben und arbeiten in Zürich. Das Künstlerduo arbeitet mit verschiedenen Medien (Fotografie, kinematische Bilder, Skulptur, Malerei). In Luzern zeigen sie eine kinematografische Skulptur an der Schnittstelle von Film und Skulptur. Zahlreiche Auszeichnungen und Förderpreise: Kulturstiftung Winterthur, Kanton Graubünden, Residency in Cape Town (Pro Helvetia), Artists-in-Residence Nairs/Scuol, Artists-in-Residence Leipzig, Sitemapping, BAK, Förderpreis der Hochschule für Gestaltung Zürich, Talente 2000 München, Contemporary Toy of the Year Okayama, Auszeichnung Viper Luzern. Springender Panther, Goldene Schere, Nachwuchsförderpreis der UNICA.
KinotopiaMartin Gut ist 1976 in Luzern geboren, in Sursee aufgewachsen und lebt heute in Luzern. Seit 1994 ist er als Künstler in vielen Sparten tätig (Autodidakt). Martin Gut ist Maler und Musiker, zudem arbeitet er konzeptionell und macht Kunst im öffentlichen Raum. Er plant und realisiert viele Veranstaltungen für die junge Musikszene und arbeitet auch als Grafiker und Designer. Zahlreiche Solo- und Gruppenausstellungen im Raum Luzern, Aargau und Bern, sowie Deutschland. Von 2000 bis 2004 war Martin Gut Präsident des Vereins Kultruwerke 118, Sursee, und er leitete das Atelierhaus centrum43 Atelierhaus von 2003 -2004.
GutAnastasia Katsidis (1974) ist in St. Gallen aufgewachsen. Die Künstlerin arbeitet mit diversen Medien und Materialien. Ihre „begehbaren“ Objekte und Installationen laden zur virtuellen Aktion ein. In mehreren Kollaborationen realisierte Katsidis ortsspezifische performative oder aktionistische Projekte. Anastasia Katsidis absolvierte die HGK Basel und Luzern (1997-2002), erhielt zwischen 2003 und 2007 diverse Projektbeiträge und Atelierstipendien. Zurzeit befindet sich die Künstlerin im Atelieraufenthalt in Kairo, wo sie an einem Ausstellungsprojekt mit dem Titel „basic motion“ zusammen mit ägyptischen Künstlern arbeitet (Realisation: März 08, Townhouse Gallery, Cairo).
KatsidisChristian Ratti ist 1974 geboren, aufgewachsen in Chur wohnhaft in Zürich und Winterthur, Lehre und Arbeit als Goldschmied, Studium Bildende Kunst in Zürich, Diplom als Turmführer. Christian Ratti arbeitet häufig im öffentlichen Raum. Indem er mit kleinen, fast unmerklichen Eingriffen die Umwelt verändert, verdeutlicht er, wie wenig wir Details unserer Umgebung wahrnehmen oder hinterfragen. Die Stringenz und Kontinuität im künstlerischen und philosophischen Ansatz, der nicht so sehr von der Erzeugung von Objekten für den Kunstbetrieb als vielmehr von der Reflexion von Wahrnehmung bestimmt ist, kennzeichnet sein Werk.
Die Reinigungsgesellschaft (RG) agiert seit 1996 als Projektgruppe an der Schnittstelle von Kunst und Gesellschaft. Die Akteure der RG, Martin Keil (1968) und Henrik Mayer (1971) sehen die Widersprüche einer Gesellschaft im Strukturwandel als Ausgangspunkt ihrer Arbeit. In den Projekten werden Interventionen und Kooperationen der Bereiche Kunst, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft modellhaft erprobt. Inhaltlich Schwerpunkte: Demokratieentwicklung und den Perspektiven der Arbeitsgesellschaft. Projekte u.a.: The Social Engine – Exploring Flexibility (2007) and Work Out (2006). Im Kasseler Kunstverein hatte die 2004/5 eine Einzelausstellung. Die RG war bei der Prague Biennial (2003) und der International Biennial of Art Turin (2002) vertreten. 2007 nahm die RG am Studioprogramm des ISCP New York teil. Zurzeit arbeiten RG in Dresden und Odessa, Ukraine.
Reinigungsgesellschaft